Gute Praxis braucht Theorie

Knigge und Etikette

Zwei Frauen unterschiedlicher Herkunft verbeugen sich zur Begrüßung

Regeln sind für die Menschen da, nicht die Menschen für die Regeln. Das gilt auch für die Etiketteregeln. Denn Etikette ist sinnentleert, wenn sie um ihrer selbst Willen umgesetzt wird. Daher ist es hilfreich zwischen Etikette (Wissen/Regeln) und Knigge (Werte/Haltung) zu unterscheiden. Höflichkeit und Etikette sollten Ausdruck der persönlichen, inneren, wertschätzenden Haltung sein...

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Warum Etikette - Warum Knigge?
Die Erkenntnis: Das Maß allen Wirtschaftens kann nur der Mensch sein. Wirtschaft ist menschengemacht und ist für die Menschen da und nicht umgekehrt. Ebenso verhält es sich mit Etikette im weitesten Sinne:
(Etikette-)Regeln sind für die Menschen da nicht die Menschen für die Regeln.
Daraus folgt: Etikette ist sinnentleert wenn sie um ihrer selbst Willen umgesetzt wird. Daher ist es hilfreich zwischen Etikette (Wissen/Regeln) und Knigge (Werte/Haltung) zu unterscheiden. Höflichkeit und Etikette sollten Ausdruck der persönlichen inneren wertschätzenden Haltung sein. Nur dies ist im Sinne von Adolph Freiherr Knigge. Ihm war wichtig: Die Absicht von Etiketteregeln liegt nicht in ihrer Befolgung sondern darin aus einer positiven Haltung heraus höflich respektvoll und wertschätzend miteinander umzugehen. Erfolgreiches Miteinander fusst also auf der Wertschätzung jedes Einzelnen vor den Anderen denn gute Zusammenarbeit fängt bei jedem einzelnen Menschen an.
Das Maß aller zwischenmenschlicher Begegnungen und somit auch jeder Teamarbeit kann folglich nur jeder beteiligte Mensch sein. Also: Langfristig erfolgreiche Teamarbeit ist nur mit respektvollem und wertschätzendem Umgang aller beteiligten Menschen denkbar. Wertschätzung ist dort allem eine ethische Frage aber auch eine zweckrational wirtschaftliche. Eine einfache Vermittlung oder Aneignung von Manieren oder Etiketteregeln wird dem aufklärerischen Anspruch von Knigge nicht gerecht. Allzu schnell kann dann eine falsch gelebte Etikette überheblich belehrend und respektlos sein. Richtig verstanden kann Etikette allerdings sehr hilfreich sein die zentrale Fragestellung zu beantworten
Was kann ich tun (oder lassen) um eine gute Atmosphäre zu erzeugen?
Folgende Fragen helfen weiter:    
  • Wie verhält sich mein Gegenüber?    
  • Was kann ich landes- oder regionalspezifisch vorher in Erfahrung bringen und wo?    
  • Habe ich eine positive Einstellung zu meinem Gegenüber? Was kann ich tun um diese positive Einstellung zu erlangen? Fühle ich mich wohl? Was kann ich tun um mich wohl zu fühlen?    
  • Fühlt sich mein Gegenüber wohl? Was kann ich tun dass sich alle wohl fühlen?
  • Eine wichtige Frage ist: Wieso beschäftige ich mich mit Fragen der Etikette?
Auch einfache Gesten im Alltag sind wichtig. Vielleicht sogar entscheidend als Ausdruck einer inneren Haltung. So kann einfacher Filterkaffee als Zeichen der Wertschätzung gelten. Wer sich mit dem Habitus den Kapitalien und dem sozialen Prestige (symbolisches Kapital) beschäftigt, bemerkt schnell die (Klassen-)Unterschiede in unserer Gesellschaft. Eines unserer Ziele ist es zu verdeutlichen, dass trotz aller möglichen Etikette-Regeln weder ein Patentrezept noch eine Regel für jede irgendwie mögliche Situation existiert. Oft bleiben wir allein zurück – dann ist unsere Menschlichkeit und Kompetenz in Bezug auf einen wertschätzenden Umgang miteinander (Knigge) gefragt. Zusätzlich kommen auch die Gründe für unser Handeln hinzu: für jedes Verhalten lassen sich Gründe und Rechtfertigungen finden. Von besonderer Relevanz ist aber ob diese der gewünschten also wertschätzenden Haltung entsprechen oder nicht.
Ein praktisches Beispiel aus dem alltäglichen menschlichen Umgang bietet die Fragestellung ob Kund*innen Handwerker*innen ein Erfrischungsgetränk oder einen Kaffee anbieten sollten. Natürlich haben diese für gewöhnlich selbst Verpflegung dabei da sie einschätzen können wie lange sie auf einer Baustelle arbeiten werden. Es geht also nicht um eine akute Versorgung die ihre Arbeitsfähigkeit wiederherstellen oder sicherstellen soll in so einem Fall würden sie sicherlich auf die Kund*innen zukommen und ihre Situation erklären. Es soll aber um eine davon unabhängige Situation gehen – eine einfache Freundlichkeit, ein zwischenmenschliches Entgegenkommen.
Und genau das ist es in erster Hinsicht: ein freundlicher Akt der Zuneigung. Ein handwerklicher Beruf beinhaltet bestimmte Fähigkeiten und ein Können, dass, wenn es durch eine zeitintensive abgeschlossene Ausbildung bestätigt ist, noch lange nicht von jeder*m ausgeübt werden kann – daher ruft man das Handwerk zu Hilfe.
Es besteht also eine Ungleichheit an Qualifikation in Bezug auf die spezifische Aufgabe auch wenn die Kund*innen möglicherweise derzeit gesellschaftlich höher anerkannte Qualifikationen (Bachelor, Master, Diplom, Doktor*innentitel etc.) inne haben mögen. Der Punkt ist dass respektvolle Kund*innen genau das ausdrücken möchten: Wertschätzung für das Können und die Spezialisierung eines anderen Menschen. Vor allem aber zwischenmenschlichen Respekt.
Der soziale Austausch der sich durch einen gemeinsamen Kaffee ergeben kann ist ein weiterer Aspekt. So kann aus einer traditionelleren Perspektive gesagt werden dass Kund*innen zugleich auch Gastgeber*innen und Handwerker*innen zugleich Gäste sind welche es willkommen zu heißen gelten kann.
Die Tatsache dass Kund*innen eine Dienstleistung bezahlen und für ihr Geld etwas erwarten kann allerdings den menschlichen sozialen und wertschätzenden Teil schnell vergessen machen. So zentriert sich eine Transaktion um den neutralen und trockenen Rahmen eines Geschäfts und blendet zwischenmenschliche Interaktion aus. Dabei ist es immer ein Mensch der eine Funktion erfüllt und eine Tätigkeit ausübt.
Durch einfachen Filterkaffee oder ein anderes Getränk kann sehr einfach eine wertschätzende Atmosphäre geschaffen werden.
Dies kann einer Stereotypisierung und manchmal sogar dem Klassendenken entgegenwirken. Eigene, auch unbewusste, Vorurteile können so relativiert und der eigene Horizont erweitert werden.
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